Reisebericht von Claudia Leimgruber Müller
15. – 26. September 2026
Schon auf dem Hinflug nach Kirkenes wurde uns beim Zwischenstopp in Oslo bewusst, wie gross Norwegen ist: Wir waren bereits weit gereist und hatten doch noch nicht einmal die Hälfte der Strecke bis in den hohen Norden zurückgelegt. Was uns dort wohl erwarten würde?
Kirkenes, der Wendepunkt der Postschiffe, war für die ersten drei Tage unser Daheim. Schon die erste Nacht fiel etwas kürzer aus als geplant: Am Himmel tanzten Polarlichter. Wer möchte da schon schlafen?
Am nächsten Tag erkundeten wir das Pasviktal und die Region an der Grenze zu Russland. Es war für uns sehr interessant, von den Menschen vor Ort zu erfahren, wie sie die Nähe zum Nachbarland erleben. Ihre Gedanken und Gefühle haben uns noch lange beschäftigt.
Den folgenden Tag verbrachten wir an der Küste der Finnmark. In Neiden besuchten wir das modern und informativ gestaltete Museum der Skoltsamen. Danach führte uns der Weg weiter ans Meer nach Bugøynes. Dort durfte ich die beste Fischsuppe meines Lebens geniessen und den wohl kältesten Schwumm! Ein Bad in der Barentssee kostet Überwindung. Das belebende Gefühl danach werde ich so schnell nicht vergessen.
Dann hiess es «Leinen los». An Bord der Havila Polaris begann unsere Reise entlang der norwegischen Küste. Schon der erste Zwischenstopp in Vardø begeisterte uns. Am gefühlten Ende der Welt besuchten wir die Gedenkstätte für die Opfer der Hexenverfolgung in der Finnmark, an deren Gestaltung auch der Architekt Peter Zumthor beteiligt war. Besonders eindrücklich war der Moment, als sich das Licht der langsam untergehenden Sonne im Glaskubus spiegelte.
Nach diesen vielen ersten Eindrücken zogen wir uns in unsere Kabinen zurück und wurden wenig später vom Polarlichtalarm wieder nach draussen gelockt. Lady Aurora zeigte sich auf dieser Reise gleich zweimal. Welch ein Geschenk!
Ein erster grosser Höhepunkt erwartete uns am nächsten Morgen. Um 05:45 Uhr verliessen wir in Honningsvåg das Schiff und fuhren mit der aufgehenden Sonne zum Nordkap. Das frühe Aufstehen hatte sich mehr als gelohnt: Bei bestem Wetter standen wir als kleine Schweizer Gruppe mit nur einer Handvoll weiterer Gäste am berühmten Globus. Für einen Augenblick gehörte uns dieser besondere Ort beinahe allein.
Über Magerøya ging es weiter nach Hammerfest, wo wir wieder an Bord stiegen. Unser Busfahrer und unsere lokale Reiseleiterin freuten sich über den tiefblauen Himmel mindestens so sehr wie wir. Sie legten zahlreiche zusätzliche Fotostopps ein und schossen vermutlich noch mehr Bilder als unsere Gruppe.
Mit jedem Tag veränderten sich Landschaft und Licht. Die Küste zeigte sich mal in kräftigen Farben, mal in sanften Herbsttönen. Inseln, Berge und kleine Orte zogen an uns vorbei, während die Havila Polaris für einige Tage unser schwimmendes Daheim war. In Tromsø bot sich um Mitternacht sogar noch die Gelegenheit, ein Konzert zu besuchen. Norwegen hat seine ganz eigene Art, einen Tag ausklingen zu lassen.
Weiter südlich entdeckten wir die Vesterålen und die Lofoten auch an Land. Von Harstad fuhren wir nach Sortland. Gerade als wir die Brücke in Sortland überquerten, fuhr unser Schiff darunter hindurch und begrüsste uns mit einem kräftigen Hupen. Unterwegs probierten wir Lefse, das typisch norwegische Fladenbrot gefüllt mit dem Braunkäse. Beim Zwischenhalt in Stokmarknes besuchten wir das Hurtigruten Museum.
Anschliessend ging es zurück an Bord. Der Trollfjord, die Fahrt entlang der Lofoten, die wechselnden Stimmungen auf dem Wasser und die Herbstfarben an Land liessen uns immer wieder staunen. Als krönenden Abschluss des Tages bummelten wir durch Svolvær.
Bei Brønnøysund schnürten wir die Wanderschuhe und machten uns auf den Weg zum Torghatten. Schon von Weitem ist zu erkennen, was diesen Berg so besonders macht: Ein gewaltiges Loch durchzieht ihn von einer Seite zur anderen. Als wir mitten in dieser natürlichen Öffnung standen und hindurch auf die Küstenlandschaft blickten, wurde uns erst bewusst, wie eindrücklich dieses Naturwunder ist.
In Trondheim nutzten wir den Morgen für einen Spaziergang. Die bunten Holzhäuser spiegelten sich im Wasser und boten ein wunderschönes Bild. Wir bestaunten auch den Nidarosdom, die Krönungs- und Segnungskirche der norwegischen Könige. Und danach durfte natürlich eine Zimtschnecke zum Kaffee nicht fehlen.
Selbstverständlich entdeckten wir Norwegen nicht nur vom Schiff aus. Auf der Strecke von Trondheim nach Bergen verliessen wir die Havila Polaris in Kristiansund und fühlten uns für einen Moment wie James Bond. Zuerst führte uns der Weg durch den rund 5,7 Kilometer langen Atlanterhavstunnel unter dem Meer hindurch, danach über die gut acht Kilometer lange Atlantikstrasse. Eine Brücke folgte der nächsten, während Wind, Meer und Himmel für die passende Kulisse sorgten. In Molde, der Stadt der Rosen, gingen wir wieder an Bord.
Nach sechs Tagen auf See erreichten wir Bergen. Selbst der Regen konnte unserer Freude über die vielen gemeinsamen Erlebnisse nichts anhaben. Am nächsten Tag wechselten wir das Verkehrsmittel: Die Bergenbahn brachte uns auf 483 Kilometern quer durch das Land nach Oslo. Vor den Zugfenstern zog noch einmal ein anderes Norwegen vorbei, mit Bergen, Hochebenen und immer neuen Farben.
Zum Glück war mit der Ankunft in Oslo zwar unsere Enddestination erreicht, unsere Reise aber noch nicht zu Ende. Die eindrückliche Deichman Bibliothek lockte ebenso wie die kraftvollen Skulpturen im Vigelandpark. Und natürlich zog es uns auch hoch hinaus zum Holmenkollen. Wer mochte, konnte in einer der Saunen am Fjord nochmals ins Wasser springen, diesmal etwas weniger weit nördlich, aber bestimmt nicht ohne Herzklopfen.
Oslo hat sich in den letzten Jahren sichtbar verändert. Neben den bekannten Sehenswürdigkeiten gibt es immer wieder Neues zu entdecken. Die Stadt zeigte uns zum Abschluss nochmals eine andere Seite dieses grossen, vielfältigen Landes.
Was bleibt, ist weit mehr als eine Folge schöner Orte. Ich denke an das erste Nordlicht über Kirkenes, an die Kälte der Barentssee auf der Haut, an das stille Nordkap im Morgenlicht und an die vielen Gespräche unterwegs. Vor allem aber denke ich an die Menschen, mit denen ich all das teilen durfte.
Norwegen hat uns auf dieser Reise ein wunderbares Farbenspiel geschenkt. Danke an meine Reisegruppe für eure Offenheit, eure Freude am Entdecken und die vielen gemeinsamen Momente. Ihr habt diese Reise für mich besonders gemacht.